Jelena – eine Malerin, die Spinnen sympathisch findet

Eine Malerin, die Spinnen sympathisch findet

 

 

 

www.yelart.de

 

 

Unser erstes Treffen fand in der Stadtteilbibliothek in Leipzig Plagwitz statt.

Georg von Nessler, Anstifter und umtriebiger Kopf der ip-Dialog Group hatte mich zu diesem Termin eingeladen.

Sein Ansatz junge, noch unbekannte Künstler zu unterstützen, um ihnen ein wenig zum Erfolg zu verhelfen. Er hatte mich gebeten mich mit einer Malerin zu treffen, ein paar Fotos zu machen und ein paar Zeilen über Jelena in meinem Blog zu schreiben.


Es war Mitte Juli im Supersommer 2018. Draußen weit über 30 Grad. Ich wartete im Hof der Bibliothek.

 

Um die Ecke kam eine Frau in einem Sommerkleid, mit mehreren großen Taschen und Beuteln, die dunklen Haare so kurz geschnitten, dass es kein Lineal mehr hätte messen können. Aber noch nicht ganz Glatze. Ein Schal und rote Stiefel vervollständigten das Bild.

 

Ich dachte mir – das ist Jelena, das muss sie sein – Künstlerin.


Genau. Ein offenes, freundliches Lachen im Gesicht. Irgendwie war sie mir sofort sympathisch.

Wir gingen in die Bibliothek, unterhielten uns ein wenig. Sie hatte in ihren Taschen und Beuteln einige ihrer Bilder mitgebracht. Nein, ich bin kein Kenner der Malerei. Ich habe nur mein Bauchgefühl, welches die Dinge ganz spontan beurteilt und empfindet. Ihre Bilder sprachen mich an.
Ich bekam Lust mich länger mit ihr in ihrer gewohnten Umgebung, ihrem Atelier zu unterhalten und dort wo sie lebt und arbeitet Fotos zu machen.

Termin gemacht und einige Wochen später, es war schon recht kühl geworden, war ich auf dem Weg in Jelenas Welt.

Jelena lebt und arbeitet in Leipzig Plagwitz. Inzwischen wurde das Vorderhaus und auch das Hinterhaus, in dem sie lebt, durch eine Zwangsversteigerung veräußert und Bauarbeiten ringsherum hatten begonnen. Da muss man schon hart im Nehmen sein.

Wir begrüßten uns wie alte Freunde und gingen nach kurzem Aufenthalt in ihrer Küche gleich in ihr Heiligtum – ihr Atelier, Wohnstube und Kreativraum. Wie gesagt, Künstlerin. Jelena lebt eben ein wenig anders als andere Menschen. Heizen – ja, aber möglichst erst spät im Jahr. Und das nicht mit einer modernen Heizung wie meist üblich. Nein, Jelena hat überall Öfen stehen, die sie mit Holz beheizt. Ja, das erinnerte mich an`s Kohle und Holz aus dem Keller holen.  Aber es macht auch eine schöne Wärme. Das Knistern im Ofen, die flackernden Flammen und diese wohlige Wärme schaffen eben diese angenehme Atmosphäre.

Wie stellte ich mir ihr Atelier vor? Keine Ahnung.

Ein relativ kleiner Raum, gleich rechts neben dem Ofen ein altes eisernes „Teil“ mit zwei Walzen das mir später noch vorgestellt werden sollte. Ein runder Tisch mit zwei Stühlen, ein alter Ledersessel mit Patina und eine Glasplatte auf einem alten Holzbierkasten als Couchtisch. Am Ende des Raumes ein großes Fenster.

Viel Licht, aber gerade im Sommer auch viel Wärme. Denn die Sonne knallt dort richtig rein. Ein großes Regal mit vielen Büchern und zusätzlichem kreativen Kleinkram verliehen dem Raum etwas Warmes, wohnliches. Das Knistern des Holzes aus dem Ofen trug sein Übriges dazu bei.

Auf der anderen Seite des Raumes ihre „Werkbank“ mit unendlich vielen Farben, Pinseln, Töpfchen, Tuben, …

Direkt daneben zum Licht ausgerichtet eine Leinwand mit ihrem derzeitigen noch in Bearbeitung befindlichen Bild. Und überall an den Wänden Jelenas Bilder. Große und Kleine.

 

Jelena Radosavljevic, in Belgrad, dem damaligen Jugoslawien geboren, hat dort russische Sprache und Literatur studiert, einen guten Job gehabt und war dennoch nicht so ganz glücklich.

Sie wollte malen, schon immer. Irgendwie ergab es sich, dass sie sich in Berlin an der Kunsthochschule Berlin Weißensee für das Studium Bühnenbild bewarb und angenommen wurde.

 

Mit keinem Wort Deutsch im Gepäck, nur englisch kam sie 2002 nach Berlin und wählte gleich den harten Weg. Sie bat ihre Kommilitonen mit ihr möglichst kein Wort englisch zu sprechen. Sie wollte keinen Deutschkurs besuchen, sondern deutsch lernen, Tag für Tag ein paar Wörter mehr.

Hut ab, das ist ganz sicherlich anstrengend.


Aber bald merkte Jelena, dass ihr die Malerei viel mehr gefällt als Bühnenbilder zu gestalten. Damit konnte sie nicht für sich selbst kreativ sein. Also brach sie ihr Studium ab, um zu malen. Sie suchte sich ein eigenes 16m2 großes Atelier und versuchte sich mit Malerei über Wasser zu halten. Dabei nahm sie auch eine Bühnenbildassistenz für Pippi Langstrumpf an. Von irgendwas muss der Mensch ja leben.

 

Ihr Freundes- und Künstlerkreis wurde immer grösser. Inzwischen hatte sie 1-2 Ausstellungen ihrer Bilder pro Jahr in Berlin. Hin und wieder konnte sie auch Bilder verkaufen.

 

In dieser Zeit lernte Jelena ihren Lebensgefährten kennen und sie zogen nach Leipzig.

 

Das war zunächst ein gravierender Umbruch. Es dauerte fast drei Jahre bis sie überhaupt in der Künstlerszene Fuß fassen konnte. Sie hatte hier nicht studiert und das Gefühl, dass sie sich hier erst mal ihren Platz erarbeiten musste. Ganz anders als in Berlin.

 

Jelena schenkte Kaffee ein, hatte Kuchen gebacken und ein leckeres Blätterteigrezept aus ihrer Heimat in den Ofen geschoben.

 

Frank, ihr Lebensgefährte sorgte sich um den Holznachschub. Denn an dem Tag war es ausnahmsweise relativ kühl.

Das gab mir Gelegenheit mal nach ihrer „Haarpracht“ zu fragen.

Als Kind hatte sie schon immer ihre Puppen mit neuen, in der Regel meist kurzen Frisuren versehen. Nur, das blieb ja dann auch für immer so.

Ihre eigenen Haare hatten später alle möglichen Längen, aber nach jeder Langhaarphase kam auch immer eine Kurzhaarphase. Auch Punk war in ihrer Jugend mit dabei. Als sie 16 war schnitt sie ihrer Freundin die Haare. Auf ihre Frage ob sie das denn kann antwortete sie: „Klar, ich hab ja immer meinen Puppen einen neuen Haarschnitt verpasst.“

Offensichtlich hatte sie an ihren Puppen gut geübt und es kamen ihre Freunde, die ganze Familie und später auch Freunde und Bekannte in Berlin hinzu. Als Jelena nach Deutschland kam hatte sie blonde Haare aber durch das Färben waren sie kaputt. Da war es mal wieder Zeit auf eine praktische Kurzhaarfrisur umzusteigen. Und dabei ist es auch bis heute geblieben.

Die Blätterteigpasteten waren fertig und kamen auf den Tisch.

 

Für mich ist es immer wieder faszinierend zu erfahren woher die Künstler ihre Ideen, ihre Inspiration nehmen.

 

Bei Jelena ist es so, dass es sich einfach aus dem alltäglichen ergibt. Vielleicht kann man das auch gar nicht so ganz genau beschreiben. Sie hat eine Idee, macht vielleicht, so wie andere in ihr Notizbuch, auf irgendeinem Stück Papier eine kleine Skizze, auf einem abgerissenen Stück Papier, auf einem Briefumschlag, was gerade rumliegt.

 

Daraus ergibt sich dann auch die Größe des Bildes. Irgendwann geht sie an die Staffelei und fängt an zu malen. Die Skizze ist nur der ganz grobe Rahmen. Alles andere ergibt sich dann während des Malens. Es kommt einfach zu ihr.

Mir ist aufgefallen, dass alle ihre Bilder einen Titel haben. Auch das ist nicht von vornherein festgelegt. Der Titel entwickelt sich beim Malen.

 

Und dann kamen wir auf das Bild mit der Spinne zu sprechen.

 

„Ich finde Spinnen sympathisch“

 

Und diese Aussage von einer Frau!

 

Auch das eine ganz alltägliche Situation. Eine Spinne im Bad gefangen und wieder in die Freiheit entlassen. Und schon formte sich bei Jelena ein vages Bild im Kopf bei der eine Spinne eine Rolle spielt.

 

Große und kleine Bilder entstehen bei ihr nicht immer nach dem Thema. Manchmal auch danach ob sie Geld für eine große Leinwand hat oder nicht.

 

Auf meine Frage warum Jelena mitten im absoluten Hochsommer Stiefel trägt, kam eine Antwort, die ich mir eigentlich hatte denken können. Wie fast alle Frauen hat auch Jelena einen Schuhtick oder genauer gesagt einen Stiefeltick. Und wenn ihr Schuhe / Stiefel gefallen, dann werden sie getragen, ganz gleich was das Wetter dazu meint.

Ja, und so entstand auch eines ihre Bilder „David und Goliath“.  Ihre Lieblingsschuhe und zufällig einen ganz kleinen Stiefel von einer Puppe gefunden. Und schon war die Idee zu einem neuen Bild geboren.

Es ist als Maler/in schwierig von seiner Kunst zu leben. Aber es schlagen auch zwei Herzen in ihrer Brust. Manche Bilder möchte Jelena eigentlich gar nicht verkaufen, so sehr gefallen sie ihr.

 

Jeder Künstler hat auch immer Selbstzweifel. Sind meine Bilder gut genug? Gefallen sie überhaupt jemandem? Was macht meine Bilder aus? Was ist besonders daran? Es gibt doch so viele Maler die mindestens genau so gut malen wie ich. Und so weiter.

 

Aber, Jelena muss malen. Solange sie noch den Pinsel halten kann wird sie malen. Und wenn es nur für sie selbst ist.

 

Auf meine Frage ob sie sich auch etwas anderes vorstellen könnte außer zu malen musste sie erst mal laut lachen.

„Nein, wenn ich nicht mehr malen kann, das ist so wie halb tot.

Aber, ich mache doch auch andere Dinge. Ich gebe Yoga Unterricht.

Ich male einfach, weil ich malen muss.“

„Ich erwarte nicht, dass ich berühmt werde, weder zu Lebzeiten noch danach. Vielleicht gefallen die Bilder ja auch gar nicht. Aber manchmal macht mich dieser Gedanke schon traurig.“

 

Wichtig ist für Jelena im Leben, dass sie tun kann was sie erfüllt. Und das ist zu einem sehr großen Teil das Malen. Natürlich, Gesundheit. Ohne das geht alles sowieso nicht.

 

„Beim Malen bin ich ich selbst.“

 

Jelenas Atelier ist eine kreative Umgebung. Ich kenne viele Menschen, die das anders sehen. Na und!

 

Ob sie auch in einer Neubauwohnung die gleichen Ideen haben könnte wie hier in diesem alten Gemäuer, war meine Frage.

„Ich brauche nur meine vier Wände in denen ich mich entsprechend einrichten kann. Malen ist wie Alice im Wunderland. Ich tauche ein und bin dort gefangen.

 

Beim Umzug packe ich meine Atmosphäre mit ein und in der anderen Wohnung wieder aus. Maximal eine Woche nach einem Umzug muss ich wieder malen.“

 

Jelena ist sich nicht mehr ganz sicher ob sie inzwischen schon hundert oder mehr Bilder gemalt hat. Wahrscheinlich sind es schon einig mehr. Manche hat sie nicht mal fotografiert aber schon verkauft.

 

Frank kam zwischendurch immer mal ins Zimmer und legte noch einen Scheit Holz nach.

 

Und damit fiel mein Blick auch wieder auf das eiserne „Teil“ neben dem Ofen. Es sah aus wie eine Symbiose einer Nähmaschine und einer Wäscherolle. Na ja, ganz so falsch lag ich damit nicht. Jelena hat es von ihrem Professor bekommen. Es ist wirklich ein Eigenbau aus einer Nähmaschine und zwei großen Walzen, wobei das Antriebsrad der alten Nähmaschine seitlich und in der Höhe ein wenig versetzt jetzt seinen Dienst tut.
Es ist eine Grafikdruckmaschine. 

 

Und somit erfahre ich einige andere Ideen die Jelena noch hat. Ein bisschen im Grafikbereich möchte sie sich gern ausprobieren. Aber dafür ist zu wenig Platz in ihrem jetzigen Atelier. Zwei große Räume – das wär`s.

Ein wenig Bildhauern möchte sie auch. Aber, wie gesagt, der Platz.

 

„Manchmal, so zwischen zwei Bildern brauche ich ein bisschen Pause. Und dazwischen könnte ich dann was anderes machen. Zeichnen, Radierungen, Skulpturen, usw.„

 

Wenn Jelena aus dem Haus ausziehen muss, weil auch ihr Refugium saniert und umgebaut werden soll, steht die Frage: Wohin? Auf`s Land, weil da mehr Raum zu erschwinglichen Preisen zu haben ist? Oder doch lieber in der Stadt bleiben und in kleinerem Raum mit weniger Platz und höheren Preisen.

 

Das wird sich wohl in den nächsten Monaten entscheiden.

 
Über drei Stunden sind vergangen. Für mich macht es immer wieder Spaß Menschen zu treffen die interessant sind, weil sie was zu erzählen haben, weil sie was erlebt haben und das bereichert auch mich.

 

Dafür vielen Dank Jelena.

 

Und ich bin mir sicher, ich werde Jelena wieder besuchen.

 

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